Serra da Capivara, Piaui

Die "Serra da Capivara" im südöstlichen Zipfel von Piauí beherrbergt die wohl wichtigsten Vorkommen vorzeitlicher Felsmalereien in Brasilien. 1979 ins Leben gerufen, ist der gleichnamige Nationalpark seit 1991 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO. Die Felszeichnugen wurden 1960 entdeckt.

Der Park umfasst etwa 130 km² und zwischen 8° 26' 50" / 8° 54' 23" Süd und 42° 19' 47"  /  42° 45' 51" West, im LandkreisSão Raimundo Nonato. Von Salvador aus fährt man circa 720 km, über Remanso. Der Unterschied zum feuchttropischen Klima an der Küste könnte kaum grösser sein. Hier regiert die "Caatinga" (indianisch für  "der weisse Wald") eine Halbwüste ähnlich dem Südwesten der USA, voll mit Kakteen und einer Unzalhl anderer an das trockene Klima angepasster seltener Pflanzenarten. Jedes Jahr werde hier noch neue Kakteenarten entdeckt.

São Raimundo Nonato, eine Kleinstadt mit etwa 30.000 Einwohnern ist das Tor zum diesem fazinierenden Stück Brasiliens und bietet Übernachtungsmöglichkeiten in diversen Preisklassen. Der wichtigste archäologische Fundort hiesst "Pedra Furada". Der grösste Teil der Felsenzeichnungen ist zwischen 6000 und 12.000 Jahren alt und somit den allerfrühesten in Südamerika bekannten Steinzeitkulturen zuzuordnen. Nach Meinung einiger Experten lassen sich einige Malereien auf circa 14.000 Jahre datieren, was sie zu den ältesten bekannten Zeugnissen menschlicher Präsenz in Südamerika machen würde. Unumstritten ist diese Zahl allerdings nicht.

Die Diskussionen ranken sich in erster Linie um Indizien auf menschliche Wohnstätten wie etwa Asche und Steinsplitter, die von einigen Experten als Beweise für 30.000 bis 40.000 Jahre alte Feuerstellen und Reste von Werkzeugherstellung interpretiert werden. Dies würde die offizelle Lehrmeinung, dass der Mensch erst gegen Ende der letzten Eiszeit nach Südamerika gelangte rundum auf den Kopf stellen. Schwierigkeiten bei der Beweisführung bereiten unter anderem das natürliche Vorkommen von Wildfeuern im Trockenbiotop der Caatinga, das für die Gegend typische leicht splitternde Gestein und die starke Hanglage, die eine Vermischung der verschiedenen datierbaren Erdschichten begünstigt. Die Diskussionen zwischen den Fachleuten finden kein Ende, und als bewiesen gilt bisher nichts.

Noch mehr Durcheinander gibt es darum, dass die braslianischen Medien in ihren Berichten die Jahreszahlen für die Höhlenmalereien (erwiesen bis ca. 12.000 Jahre) und die möglichen Lagerreste (umstritten, bis zu 35.000 Jahre oder mehr) gerne durcheinander bringen. Oft sieht man in Zeitungen Bilder von Höhlenmalereien der Serra da Capivara und gleich daneben Jahreszahlen von 30.000 Jahren oder mehr, wodurch natürlich der Eindruck entsteht, als sei die Gegenwart von Menschen in Brasilien vor dem Ende der Eiszeit eine unbestreitbare Tatsache. Berichte im brasilianischen Fernsehen drücken sich an diesen Stellen geschickt ungenau aus, und selbst in Schulbüchern finden sich derartige Verdrehungen. Mindestens 70% aller Leute mit ich über das Thema sprach, glauben, die wissenschaftliche Diskussion drehe sich um das Alter der Höhlenmalereien. Das schliesst leider selbst ein paar Reisführere aus São Raimundo mit ein, und die sollten es eigentlich wissen.

 



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