MTB in Florida ist sicherlich nicht jedermans Sache. Wer es auf Höhenmeter oder Abfahrten abgesehen hat, könnte sich kaum einen unpassenderen Ort aussuchen, denn selbst in Holland findet er davon mehr als hier. Zur Improvistation gibt es wenig Raum, denn infrastrukturell regieren hier die Extreme - entweder ist eine Gegend durch Asphaltstrassen erschlossen oder sie besteht aus weitgehend unbefahrbaren Feuchtgebieten und Mangrovensümpfen. Fürs Cruisen auf Asphalt gibt es dagegen reichlich Potential - zumindest für den, der sich von Hitze und Verkehrsdichte nicht irritieren lässt.
Eigentlich hatte ich vor, die Sümpfe radtechnisch zu ignorieren und mich an die Strecke durch die Florida Keys über den Overseas Highway zu machen - 205 Kilometer durch den Golf von Mexiko über insgesamt 42 Brücken. Doch mein alter Kumpel und Gastgeber Georg aus Orlando bestand darauf, einen Abstecher zum East Everglades Levee Trail einzulegen, einem der bekanntesten und schönsten der offiziellen Offroadtrails Südfloridas. Dort lässt sich über durchweg in diversen Nationalparks gelegene Deiche und stillgelegete Bahndämme, sogenannte Levees, eine Runde von maximal 165 Kilometern durch die berühmten Alligatorensümpfe der Everglades drehen. Das Equipment hatte George bei Freunden vom Florida Swamp Mountain Bike Club (wer sich für die wenigen inoffiziellen Offroadtrails in Florida interessiert, ist dort an der richtigen Adresse) ausgeliehen, für den Trip über die Keys hatten wir zuvor Georgs Rennräder bei Bekannten in Tavernier deponiert. Georg hatte wie immer Recht: Der East Everglades Levee Trail ist szenisch sehr interessant und bietet sogar ein paar winzige Drops und steinige Teilstücke. Vor allem aber gibt jede Menge Tiere zu sehen - schläfrige Alligatoren, rüstige fette Schildkröten, unzählige Vogelarten und Rehe. Die günstigste Anfahrt geht über den Everglades Holiday Park (Exit 13-B auf der I-75 und dann die Griffin Road nach Westen).
Danach gings mit dem Pickup erst zurück nach Tavernier und von dort mit dem Rennrad auf dem Overseas Highway (der Südzipfel der U.S. Route 1) über die Inselkette der Florida Keys und 42 Brücken bis nach Key West. Wer jemals davon geträumt hat, einmal übers spiegelglatte Meer radeln zu können, kommt hier dürfte auf seine Kosten. Auf allen Brücken gibt es Seitenstreifen, ansonsten sind Radspuren zwar nicht durchgehend vorhanden, aber meistens da, wo sie gebraucht werden. Der Verkehr nervt natürlich schon, aber damit muss man sich abfinden - zumindest bis zur Umsetzung der Pläne, historische Trassen des Overseas Railway zu restaurieren und zu einer durchgehenden Rad- und Wanderstrecke - dem Florida Keys Overseas Heritage Trail - auszubauen. Zur Zeit können Radfahrer die Route 1 nur sporadisch verlassen, beispielweise direkt vor Marathon. Dies verlängert die Tour zwar, lohnt sich aber wegen der Atmosphäre auf jeden Fall.
Zu schaffen wäre die Strecke in 2 Tagen, aber wir liessen uns Zeit für vier - zuviel interessantes gibt es zu tun und zu sehen. Bars, Seafood Restaurants und Dive Shops gibt es mehr als genug. Wer im Hotel nächtigen möchte, sollte entsprechende Arrangements vorab treffen, denn die meisten Hotels in den Keys hegen hartnäckig die Vorstellung, Gäste hätten mindestens drei Tage zu bleiben. Doch spätestens ab Tag 2, wenn Sonne, Wind und die berühmte "Keys Disease" - die schon manchen Besucher dazu bewegte, wesentlich länger in den Keys zu bleiben als geplant - Besitz von Leib und Seele ergreifen, erscheint auch diese Idee immer weniger abwegig. Gut gefallen hat uns der Camping Platz direkt am Strand im Long Key State Park auf Long Key am Mile Marker 67,5. (Wer Zeit hat, kann hier mit dem Kayak die Lagunen im Inselinneren erkunden.) Der Sugarloaf Key KOA Camping Site (Mile Marker 20) wäre wegen seiner ruhigen Lage ebenfalls wunderschön gewesen, hätte nicht unser bierseliger Nachbar im Rentner-RV unerbittlich unser Interesse für sein Fachgebiet Immobilien Florida zu wecken versucht. Zu den Highlights der Tour gehörten der Sonnenuntergang im Lorilei's auf der Islamorada (Mile Marker 82), die Seven Mile Bridge mit ihrer fantastischen Aussicht, die Rehe (!) auf Big Pine Key (Mile Marker 33) und das Frühstück im My Blue Heaven in Key West.